Corona und die Psyche

Erste Studien zu Langzeitwirkungen

Nach bald zwei Jahren haben die meisten Menschen mit der Pandemie irgendwie zu leben gelernt. Zugleich liegen inzwischen erste Studien zu Langzeitwirkungen vor. Eine davon zeigt, wie sich Covid-19 psychisch auswirken kann. Eine der weltweit größten Studien zu den psychischen Auswirkungen der Corona-Pandemie hat fortlaufend von April 2020 bis März 2021 mehr als 30.000 Menschen untersucht.

Erhebung von Parametern zur Studie

Dazu haben Forscher der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen anonym Angaben zu folgenden Parametern erhoben:

  • Alter und Geschlecht
  • Symptome für Depression und Angst
  • Negative Stressbelastung
  • Gesundheitszustand 

Depressive Symptome steigen weiter an

„Die Studie stellt damit nicht nur national, sondern auch international eine der größten Untersuchungen zu den psychosomatischen Auswirkungen der Pandemie dar“, so Professor Dr. med. Volker Köllner, Präsident des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

„Dabei stiegen depressive Symptome zum zweiten Lockdown ab November 2020 weiter an“, berichtet Professor Dr. med. Martin Teufel, der als Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der LVR-Kliniken Essen die Studie leitet.

Frauen und Jüngere stark betroffen – Information hilft

Zu den psychisch besonders belasteten Bevölkerungsgruppen zählen Frauen, jüngere Menschen und Personen mit psychischen Vorerkrankungen. „Ursachen dafür können der Wegfall von sozialen Kontakten, psychotherapeutischen Behandlungen und Aktivitäten sein, die aus depressiven Episoden heraushelfen“, so Dr. Teufel. In der Studie identifizierten die Wissenschaftler aber auch Faktoren, die in der Pandemie entlastend wirken. „Wenn Menschen sich über die Pandemie und das Corona-Virus informiert fühlen und das Vertrauen in politische und gesellschaftliche Maßnahmen hoch ist, liegt eine niedrigere psychische Belastung vor“, berichtet der Experte.

Depressive Symptome spiegeln Erschöpfungszustand wider

Zentrales Ergebnis der Studie: In den verschiedenen Phasen der Pandemie litten bis zu 15 Prozent der Allgemeinbevölkerung unter:

  • Erhöhtem psychischen Distress (bis zu 65 Prozent der Betroffenen)
  • Erhöhter generalisierter Angst (bis zu 45 Prozent der Betroffenen)
  • Ausgeprägter Corona-Furcht (bis zu 60 Prozent der Betroffenen)
  • Vermehrter Depressivität

Verdrängen ist bei Corona-Skeptikern besonders ausgeprägt

Eine spezielle Gruppe unter den Befragten bildeten die Corona-Skeptiker. Diese waren von den Forschern auf Internetforen kontaktiert worden, die sich mit der Nicht-Existenz des Virus und damit verbundenen Verschwörungstheorien beschäftigten. „Bei ihnen lagen die Werte für depressive Symptome und generalisierte Angst deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung“, berichtet Dr. Teufel. Die Angst vor einer Corona-Infektion bewegte sich in dieser Gruppe auf demselben Niveau wie in der Allgemeinbevölkerung. Hygienemaßnahmen wurden gleichwohl vermehrt abgelehnt.

„Wir alle nutzen Verdrängungsmechanismen, um unsere Psyche stabil zu halten“, erläutert Dr. Teufel diesen scheinbaren Widerspruch. „In der Gruppe der Corona-Skeptiker ist das Verdrängen aber besonders stark ausgeprägt, um einer lähmenden Angst auszuweichen. Die andere Bewältigungsstrategie – valide Informationen aufnehmen und verarbeiten – wird negiert.“ Der Wissenschaftler empfiehlt, Emotionen und Überzeugungen dieser Gruppe ernst zu nehmen: „Nicht belehren“, rät Dr. Teufel, „sondern mit evidenzbasierten Informationen die Auseinandersetzung suchen.“

Jeder Vierte schwer Erkrankte mit Trauma

Unter den Teilnehmenden der Studie befanden sich auch Personen, die an Covid-19 erkrankten. Bei jedem vierten schwer Erkrankten, der auf einer Intensivstation behandelt werden musste, stellte sich nach körperlicher Genesung mit zeitlicher Verzögerung eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ein. „Bei diesen 25 Prozent kam es im Mittel ab dem 100. Tag nach erfolgreicher stationärer Behandlung zu einem Anstieg von Trauma-Symptomatik“, berichtet Dr. Teufel.

Das massiv bedrohliche Erlebnis, keine Luft mehr zu bekommen, löse bei diesen Patienten im Nachgang sogenannte Intrusionen aus. „Dies äußert sich wie ein Flashback, mit einem plötzlich einschießenden massiven Gefühl der Hilflosigkeit und des Erlebens von Kontrollverlust“, beschreibt Dr. Teufel.

Kaum körperliche Langzeitfolgen, aber anhaltender „Bodily Distress“

Greifbare körperliche Langzeitfolgen als Folge einer Covid-19-Virusinfektion sind aus Sicht des Psychosomatikers selten. Auch bei Patienten, die typischerweise nach einer mittelschweren Corona-Infektion anhaltend unter Luftnot leiden, konnten die Mediziner keine organische Schädigung als Langzeitfolge feststellen; Untersuchungen bestätigten eine ausreichende Lungenfunktion.

„Die Betroffenen leiden unter Ängsten, die Erkrankung nicht mehr loszuwerden, und atmen deshalb zu viel. Sie befinden sich in einer Art Hyperventilations-Zustand, der auf die noch nicht wiedergefundene Sicherheit zurückzuführen ist“, so Dr. Teufel.

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